
Jörg Pretzel, Geschäftsführer, GS1 Germany, spricht über Leitthemen der Branche.
Stichwort Rückverfolgbarkeit: Seit Jahren existiert eine EU-Richtlinie, die Verfahren für die Rückverfolgbarkeit vorschreibt. Ist die Rückverfolgbarkeit mit RFID gelungen?
Jörg Pretzel: Ich habe nicht erwartet, dass die EU-Richtlinie einen positiven Effekt auf die Verbreitung der RFID-Technologie nach sich zieht. Die Rückverfolgbarkeit ist auch mit den bereits bestehenden Lösungen, beispielsweise der Barcode-Technologie, möglich. Das Thema steckt noch in den Kinderschuhen, da heute noch kein durchgängiges System existiert, das die Rückverfolgbarkeit sicherstellt. Sprechen wir heute von Rückverfolgbarkeit, ist damit lediglich eine teilweise Rückverfolgbarkeit gemeint. Für das Qualitätsmanagement ist das nicht ausreichend. Vielmehr geht es darum, das Produkt vom Rohstoff bis in den Handel oder zum Konsumenten zu verfolgen. Von einer vollständigen Umsetzung dieses Ansatzes sind wir noch weit entfernt. Erste Ansätze in diese Richtung werden gerade gemeinsam mit dem Handel diskutiert. Es geht ja nicht nur darum, die reine Verfolgbarkeit der Produkte zu garantieren, sondern auch um qualitative Aspekte: Welche Inhaltsstoffe besitzt das Produkt, woher stammt es, ist die Ware mit Pestiziden belegt? Die Beantwortung dieser Fragen macht das Qualitätsmanagement aus. Aus diesem Grund kann die EU-Verordnung nur die Initiative sein, aber nicht das Druckmittel für den Einsatz eines kompletten Qualitätsmanagements.
Erst vor Kurzem hat die EU eine Richtlinie zur RFID-Technologie veröffentlicht. Wie beurteilen Sie diese Verordnung?
Jörg Pretzel: GS1 Germany begrüßt die Aussage der EU. Die Richtlinie ist hilfreich für das Thema Sicherheit im Umgang der Anwender mit der Technologie. Allerdings unterscheidet sich der Inhalt nicht wesentlich von der Aussage der Selbstverpflichtungserklärung, die GS1 im Jahr 2003 veröffentlicht hat. Auch damals ging es um den Verbraucher- und Datenschutz sowie das Thema Deaktivierung, sofern diese von den Verbrauchern gewünscht wird. Ich bin froh darüber, dass die EU die Notwendigkeit auch sieht. Dennoch steht das Vorantreiben der Technologie im Vordergrund.
Thema ‚Deaktivierung‘: Im Hinblick auf den Datenschutz sei es nach Ansicht zahlreicher Kritiker und der EU notwendig, RFID-Komponenten direkt am Point-of-Sale zu deaktivieren. Werden damit weitere technologische Sicherheitsentwicklungen, beispielsweise kryptografische Verschlüsselungen, ausgebremst?
Jörg Pretzel: Vielleicht wurde bisher nicht deutlich genug gemacht, dass auf dem Chip lediglich eine Nummer gespeichert ist, alle anderen Informationen sind in einer Datenbank hinterlegt. Horrorszenarien, dass diese Daten ganz leicht auszulesen seien, müssen endgültig widerlegt werden. Die Frage ist, welchen Effekt hat dies auf die Verbreitung von RFID. Ein Teil der Benefits geht der Technologie durch die schlechte Publicity verloren. Diese Auswirkungen müssen auch den Politikern klar gemacht werden. Bekämen die heute bestehenden Gesetze eine stärkere Durchsetzungskraft, würde sich jedes Unternehmen genau überlegen, wie es mit den ihm zur Verfügung stehenden Kundendaten umgeht. Aus Handelssicht geben Kundenkarten heute schon ausreichend Auskunft über den jeweiligen Kunden. Und Kundenprofile wurden auch schon vor 50 Jahren durch die Marktforschung erstellt.
Eine abschließende Einschätzung: Wie beurteilen Sie heute die Möglichkeiten, die sich durch den RFID-Einsatz für Anwender ergeben?
Jörg Pretzel: Die Hälfte des Weges haben wir hinter uns gebracht. Aber alle Potenziale der Technologie sind noch nicht ausgeschöpft. Ein höherer Bekanntheitsgrad wäre begrüßenswert. Unternehmen sollten sich viel stärker öffnen und ihre Business-Cases oder Anwendungsmöglichkeiten kommunizieren. Zudem befinden sich viele Projekte noch in einer Pilotphase und nicht im Rollout. Dies wäre aber wichtig, um eine kritische Masse zu erreichen.





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