Im CeBIT Forum AutoID/RFID 2011 thematisierten Experten aus Industrie und Forschung den Nutzen der RFID-Technologie für logistische Prozesse im Automobilsektor und den Endverbraucher. Wolf-Rüdiger Hansen, AIM Deutschland, moderierte den fachlichen Austausch. Ein Thema, bei dem der Nutzen-Effekt von AutoID-Lösungen sehr schnell deutlich wird, ist die Identifikation und Verfolgung von Behältern.
Teilnehmer an der Diskussionsrunde im CeBIT Forum:
- Dr. Peggy Näser, Fabrik-ID
- Walter Hein, Hans Turck
- Wolf Lampe, BLG Logistics
- Roland Fischer, RFID-Anwenderzentrum der TU München
- Wolf-Rüdiger Hansen, Moderator, AIM-D e.V
Wolf-Rüdiger Hansen, Moderator: Ein Thema, bei dem der Nutzen-Effekt von AutoID-Lösungen sehr schnell deutlich wird, ist die Identifikation und Verfolgung von Behältern. Im Automotive-Bereich sprechen wir beispielsweise von Kleinladungsträgern. Wir sprechen aber auch von deutlich komplexeren und mithin teureren Behältern. Für alle Behälter gilt: Die Optimierung ihrer Verfolgung erzeugt einen wirtschaftlichen Nutzen. Über dieses Thema sprechen wir auf Konferenzen wie dieser seit fünf Jahren. Die Technologie ist da. Warum geht es nicht viel schneller voran?
Wolf Lampe: Dieser Rückstand hat psychologische Gründe und hängt mit der komplizierten Frage nach dem Eigentümer des Problems zusammen. Das größte Interesse an Einsparungen müsste beim Eigentümer der Ladungsträger liegen. Die Realität zeigt aber, dass eher die Anwender, die mit den Ladungsträgern arbeiten, nach Lösungen suchen. Ich beschäftige mich regelmäßig mit der Frage, ob AutoID-Lösungen bei den Eigentümern der Ladungsträger im Fokus stehen. Denn sie sind es, die tatsächliche Einsparungen erzielen können.
Dr. Peggy Näser: Ich sehe das ähnlich. Zum einen sind viele Verantwortliche mit unterschiedlichen Interessen am Prozess beteiligt. Zum zweiten braucht jedes Projekt einen Treiber. Häufig ist es schwierig, diesen Treiber innerhalb eines Unternehmens zu identifizieren. Es ist viel Psychologie im Spiel, denn mancher ist nicht hundertprozentig von der RFID-Technologie überzeugt.
Wolf-Rüdiger Hansen: Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es doch schwer zu verstehen, dass die RFID-Technologie sich für Behälter noch nicht umfassend durchgesetzt hat. Ist der Blick auf den betriebswirtschaftlichen Prozess an dieser Stelle nicht eingeengt? Verliert man nicht das Sparziel aus den Augen?
Dr. Peggy Näser: Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sind Insellösungen nicht immer interessant. Der Aufbau der Hardware erzeugt zunächst Kosten. Heutzutage muss ihre Lösung sehr kurzfristig einen ROI erzielen können, um im Unternehmen genehmigt zu werden. Wenn ihre Lösung mehrere Unternehmensbereiche betrifft, müssen sie gleichartige Lösungen für alle Bereiche erstellen, bei denen ein ROI gewährleistet bleibt. Ein komplexer Arbeitsauftrag.
Wolf-Rüdiger Hansen: Das ist eher ein menschliches Hindernis als ein technisches, weil Sie verschiedene Abteilungen zusammenbringen müssen. Gehen sie über Insellösungen hinaus, müssen sie unterschiedliche Unternehmen in die Prozesskette einbeziehen. Dann müssen sie dafür sorgen, dass sich alle Beteiligten über ein Kosten-Nutzen-Modell einig werden, sprich: Cost Benefit Sharing betreiben. Sind wir dafür noch nicht reif?
Dr. Peggy Näser: Ein Unternehmensstandort übernimmt ungern die Lösung eines anderen, weil beide Standorte miteinander konkurrieren, wenn es um die Erfolgszahlen geht. Deshalb versuchen beide Standorte, ihren eigenen Weg zu gehen. Zudem sieht sich der Standort, der die Lösung weitergibt, aufgrund seiner Anfangsinvestition benachteiligt.
Walter Hein: Die Schmerzgrenze ist bei den meisten nicht erreicht. Der Gedankengang ist: Meine Lösung funktioniert - warum soll ich mich um eine neue bemühen? Den Unternehmen ist das Einsparpotenzial durchaus bewusst, aber der Druck reicht nicht aus, um Neuerungen zu erzwingen. Zirkulieren wenige Behälter in einem geschlossenen Kreislauf, ist die Rentabilität von AutoID-Lösungen schnell erwiesen. Bei großen Unternehmen, die mehrere Millionen Behälter weltweit in den Umlauf bringen, bedeutet die Kennzeichnung eine erhebliche Investition. Die Rentabilität ist für den einzelnen Standort nicht erkennbar, weil er täglich neue Behälter bekommt. Die Behälter, die er gestern noch gekennzeichnet hat, sieht er vielleicht nie wieder.
Wolf-Rüdiger Hansen: Das RFID-Anwenderzentrum schlägt nun vor, statt der Behälter die Lagerplätze mit RFID Tags zu kennzeichnen. Ist das nicht ein suboptimaler Weg?
Roland Fischer: Wir kennzeichnen den Lagerplatz, weil eine Kennzeichnung des Ladungsträgers keinen Sinn macht, wenn ich nicht weiß, ob und wann er zu mir zurückkommt. Besser wäre es natürlich, wenn die Industrie sich auf eine einheitliche Kennzeichnung der Ladungsträger einigen würde.
Wolf-Rüdiger Hansen: Lassen Sie uns über das Thema Fälschungsschutz sprechen. Die Technik entwickelt sich stetig weiter. Mit der Anzahl der Möglichkeiten wächst die Zahl der potenziellen Sicherheitslücken. Wie kann man RFID-Tags zuverlässig vor Fälschungen schützen?
Walter Hein: Zwar kann ich es Nachahmern mit einer Verschlüsselung meines RFID-Tags schwer machen. Die Erfahrung lehrt uns aber, dass mit ausreichendem Aufwand und krimineller Energie vieles möglich ist - auch das Klonen von gut geschützten Tags. Deshalb liegt der effektivste Schutz darin, dass der Aufwand für eine Plagiatierung höher ist als ihr Nutzen.
Wolf-Rüdiger Hansen: Im letzten Jahr präsentierte das Unternehmen Gerry Weber hier auf der CeBIT ihre Lösung getaggter Kleidungsstücke. Der Tag wird an der Kasse nur entfernt, wenn es der ausdrückliche Wunsch des Kunden ist. Dies führt uns zum Thema Service. Denn der Tag optimiert den After Sales Service. Gilt das gleichermaßen für den Automotive-Sektor?
Walter Hein: Natürlich. Die RFID-Kennzeichnung von Autoteilen ist der ausgesprochene Wunsch vieler Anwender. Machbar ist es, die Realisierung ist aus Datenschutzgründen unsicher. Und: Der Anwender braucht eine Sicherheit, dass das System funktioniert. Den starken Umwelteinflüssen, denen ein Label beispielsweise im Radkasten eines Autos ausgesetzt ist, kann es nicht über Jahre standhalten. Deshalb brauchen wir intelligente Lösungen für die Anbringung. Daran arbeiten wir. Das Potenzial der Technologie ist groß, denn mit RFID an Autoteilen vermeiden wir Rückrufaktionen, wie man sie aus der Automobilbranche kennt. Wir erhöhen die Sicherheit.
Wolf-Rüdiger Hansen: Wenn wir über den Verbraucher sprechen, sollten wir auch über Datenschutz sprechen. Das PIA-Framework zur Datenschutzfolgeabschätzung soll die Industrie bei der Umsetzung von EU-Vorgaben unterstützen. Wie gehen Sie in der Industrie mit den Themen RFID und Datenschutz zurzeit um?
Roland Fischer: Den Mitarbeiter, der letztlich mit dem RFID-Tag umgehen soll, dürfen wir bei der Einführung der Lösung unter keinen Umständen übergehen. Für eine erfolgreiche Umsetzung ist es essenziell, dass wir alle Bedenken und Einwände der Endanwender berücksichtigen und diskutieren.


Die RFID-Technologie ist ausgereift. Standards für die gängigen Systeme sind verfügbar. Und für alle Anwendungen unterschiedlichst...






