Das Unternehmen Balluff im Interview mit RFID im Blick
„RFID im Blick" sprach mit Ralf Pfisterer, Produkt Marketing Manager RFID-Systeme bei Balluff, über aktuelle Branchentrends, HF- und UHF-Lösungen in der Automobilindustrie und Hochtemperatur-Datenträger. Das Unternehmen konzentriert sich derzeit auf Applikationen zwischen 200 und 300 Millimeter Reichweite mit einem Reader, der Antenne und Schnittstelle beinhaltet. In diesem Bereich wird Balluff das Produkt-Portfolio noch sehr stark ausbauen.
Automotive
Bei welchen Projekten in der Automobilindustrie werden zurzeit Lösungen von Balluff eingesetzt?
Wir sind in verschiedenen Bereichen des Automotive-Sektors tätig. Wir entwickeln Lösungen für die eindeutige Identifikation von Zylinderkurbelgehäusen und Motorblöcken. RFID begleitet diese Teile durch den gesamten Fertigungsprozess. Die besonderen Anforderungen verlangen spezielle Datenträger. In Form einer am Objekt applizierten Schraube kann der Datenträger allen Bearbeitungsschritten des Fertigungsprozesses standhalten. Er überlebt extreme Temperaturen, metallische Umgebungen sowie den Einsatz von Kühl- und Schmierstoffen.
Die RFID-Integration in Schrauben hat vor rund einem Jahr viel Aufmerksamkeit in der Fachwelt erregt. Ist diese Lösung tatsächlich noch so unbekannt?
Wenn es um Anwendungen außerhalb der Automobilindustrie geht: Ja. Die RFID-Schraube kommt im Automotive-Sektor jedoch schon seit mehreren Jahren zum Einsatz. Die dauerhafte Implementierung eines RFID-Datenträgers in Autoteile ist nach heutigem Stand wirtschaftlich nicht realisierbar. Die Vorstellung vom Label, das weniger als einen Euro kostet, ist bei diesen hohen Anforderungen unrealistisch. Bei Closed Loop-Anwendungen hingegen wird der Datenträger wiederverwendet. Die Investition lohnt sich.
Für welche RFID-Lösungen sehen Sie in der Automobilindustrie derzeit den stärksten Bedarf?
In aller Munde ist ja derzeit das RAN-Projekt. Wir sind nicht direkt beteiligt, lassen uns aber als „RAN-Friend" registrieren. Auf der diesjährigen LogiMAT haben wir im Tracking & Tracing Theatre mitgewirkt. Wir wollen unsere Lösung weiterentwickeln und auf der Euro ID 2011 in modifizierter Form vorführen. In diesem Fall geht es um logistische Prozesse mit UHF-RFID. Der Materialfluss geht über die Unternehmensgrenzen hinweg. Unter diesen Voraussetzungen sehe ich eine klare Berechtigung für UHF.
Kanban-Systeme
Sie planen auf der EURO ID 2011 eine gemeinsame Präsentation mit dem Unternehmen Bosch. Um welches Projekt geht es dort genau?
Bei dieser Kooperation befassen wir uns mit der Automatisierung von Kanban-Systemen. Heutzutage meldet der Werker Materialentnahmen und Materialeingaben manuell. Unsere Bestrebungen gehen dahin, alle Behälter im Kanban-System mit einem UHF RFID-Label auszustatten. Materialflüsse werden dann automatisch visualisiert.
Wir wollen die manuellen Schritte und somit die potenziellen Fehlerquellen auf ein Minimum reduzieren. Im Rahmen der Euro ID 2011 wollen wir die Integration dieses Systems erstmals live präsentieren. Wir stellen also auch die Visualisierung der Materialflüsse am Bildschirm dar.
Hochtemperaturdatenträger
Neu im Balluff-Sortiment sind Hochtemperatur-Datenträger für das System BIS M, die Temperaturen bis 200 Grad Celsius standhalten. Welche Nachfrage sehen Sie hierfür speziell in der Automobilindustrie?
Wir haben die Anforderungen des Marktes genauestens evaluiert. Einsatzmöglichkeiten sehen wir im Bereich von Aushärtungs- und Trocknungsöfen. Diese kommen in der Automobilbranche zum Einsatz, aber beispielsweise auch in der Elektronik-Industrie. Es geht überwiegend um die Rückverfolgung von Teilen. Informationen wie Fertigungsdatum, Prüfer und Bestimmungsort können direkt auf dem Datenträger gespeichert, oder in der Datenbank mit der Unique ID des Datenträgers verheiratet werden. In diesen Bereichen, wo eine Belastungsgrenze von 180 bis 200 Grad Celsius ausreicht, haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir werden das sicherlich weiterentwickeln.
Boiler-Produktion
Wie kann eine solche Anwendung konkret aussehen?
Die bisher größte Applikation ist 2010 in Frankreich in Betrieb gegangen. Das betreffende Unternehmen produziert Boiler für die Wassererhitzung. Die Datenträger durchlaufen dort den kompletten Verarbeitungsprozess von der Lackierstraße bis zu den Elektrohängebahnen. Die Boiler bleiben bei 185 Grad Celsius für 30 Minuten im Trocknungsofen. Wichtig ist: Das Label wird während dieser Belastungszeit nicht aktiviert. Es geht darum, dass es die Belastung übersteht.
Mit welchen Anwendungen beschäftigen Sie sich aktuell in Ihrem Unternehmen?
Wir konzentrieren uns derzeit auf Applikationen zwischen 200 und 300 Millimeter Reichweite mit einem Reader, der Antenne und Schnittstelle beinhaltet. In diesem Bereich werden wir das Produkt-Portfolio noch sehr stark ausbauen. Wir fertigen hierfür HF-Reader mit integrierter Schnittstelle. Wir werden die Abstände noch dahingehend optimieren, dass wir diese Applikationen in allen Bereichen bedienen können, aber auch die Schnittstellenvielfalt vergrößern. Wir beobachten am Markt, dass in logistischen Prozessen oftmals noch RS232 und TCP/IP eingesetzt werden.Welche Hilfestellung bieten Sie den Anwendern, wenn es um die Implementierung Ihrer Lösungen geht?
Meiner Einschätzung nach kennen sich die Menschen mittlerweile so gut mit RFID aus, dass wir kaum noch Grundlagenwissen vermitteln müssen. Sie beschäftigen sich mit der Technologie, möchten sich aber nicht um die Implementierung und Auslegung des Systems kümmern. Sie legen ihren Prozess und ihre Ziele dar und fragen nach Machbarkeit und Inbetriebnahme. Die Dienstleistung rückt also stärker in den Fokus der Anwender. Deshalb haben wir ein Partnernetzwerk gegründet. Zertifizierte Integratoren kümmern sich um die Umsetzung spezifischer Lösungen.
Die Durchgängigkeit ist das Ziel vieler RFID-Projekte. UHF oder HF-Anwendungen - wohin geht der Trend in 2011?
Den Trend bilden UHF-Anwendungen auf Item-Level. Die Textilbranche macht es vor, und ich beobachte den Einzug dieser Entwicklung in die Automatisierungsbranche. Ich befürworte diese Dynamik nur bedingt. Je nach Applikation gibt es passendere Alternativen. Zwar sprechen die niedrigen Kosten oftmals für UHF-Labels. Unsere Erfahrung zeigt aber: Bei vielen Prozessen sind wir mit den Frequenzen HF und LF deutlich besser aufgestellt. Ein Beispiel ist das Montage-Handling von Kleinladungsträgern. Die Anlagen werden kompakter. Damit verringern sich die erforderlichen Funkdistanzen. Wir gehen an neue Projekte grundsätzlich zuerst mit HF heran. Bei Funkdistanzen bis 300 Millimeter ist das kein Problem. Nur wenn eine Realisierung mit HF nicht möglich ist, setzen wir UHF ein.
Die AKW-Katastrophe in Japan zeigt uns auch ein Versagen der Technologie. Befassen Sie sich bereits mit Lösungen der Sensorik und Messtechnik, die der Sicherheit solcher Anlagen dienen können?
Durch die neue Maschinenrichtlinie sind unsere Kunden zu umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen verpflichtet. Wir sind bestrebt, deren Umsetzung zu unterstützen. Aber wir entwickeln keine spezielle Sicherheitstechnik. Wir setzen in Kraftwerken keine RFID-Lösungen ein, sondern Wegmesssysteme für Schnellschlussventile. Die Ventile sperren im Falle eines Kühlleitungsbruchs im Reaktor Dampfleitungen sofort ab. Die Wegmesssysteme kontrollieren diesen Vorgang. Ein europaweiter Sicherheitsstandard für Gas- und Dampfturbinen regelt diese Maßnahme.


Die RFID-Technologie ist ausgereift. Standards für die gängigen Systeme sind verfügbar. Und für alle Anwendungen unterschiedlichst...






