Diskussionsrunde „Ökonomie und Technologie" in Weimar
Ein reger Austausch über die großen Fragen der Gesellschaft in der Stadt der Dichter und Denker: Was uns bewegt und warum wir umdenken müssen: Vier Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten in Weimar über die Herausforderungen durch den Klimawandel, die Globalisierung und die Finanzkrise. Im Raum standen elementare Fragen wie „Brauchen wir einen neuen Managertyp? Wie lässt sich der Klimawandel mit nationalstaatlichen Interessen vereinbaren? Woran sind wir bisher gescheitert?"
Teilnehmer:
- Dr. Jutta Günther, Leiterin der Abteilung Strukturökonomik, Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)
- Jürgen Heim, Managing Director Psion GmbH
- Ulrich Petschow, Leiter des Forschungsfeldes Umweltökonomie und Umweltpolitik, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung GmbH (IÖW)
- Frithjof Walk, Vorstandsvorsitzender AIM-Deutschland e.V.
- Moderation: Anja Van Bocxlaer, Chefredaktion „RFID im Blick"
Anja Van Bocxlaer: Wir leben in einer Zeit immenser ökologischer und ökonomischer Veränderungen. Wie beurteilen Sie diese Umbrüche?
Ulrich Petschow: Stichwort Energie: Wir erleben zurzeit in Deutschland eine nie dagewesene Harmonie in Bezug auf den Atomausstieg. Diese Entwicklung war in den siebziger Jahren so nicht vorstellbar. Eine zentrale Technologie beziehungsweise Innovation wird abgewählt. In den fünfziger Jahren wurde diese noch als Wundertechnologie angepriesen.
Stichwort Globalisierung: Die zunehmende Vernetzung der Welt macht technologische Alleingänge der Nationen unmöglich. Klimawandel: Der Klimawandel erfordert von der Regierung eine Transformation und ein Umdenken. Die damalige Industrielle Revolution ist heute eine ökologische.
Stichwort Politik: Stabile Strukturen brechen weg wie in Nordafrika und im Nahen Osten. Auch politische Parteien haben sich enorm gewandelt in ihren Ausrichtungen.
Frithjof Walk: Wir werden auch in Zukunft nicht ohne die Nukleartechnologie auskommen. Sie wird nicht verschwinden, denn wir werden noch lange Zeit mit deren Altlasten zu leben haben, selbst wenn wir heute global aussteigen. Außerdem benötigen wir die Nukleartechnologie in der Medizin und in anderen Anwendungsbereichen. Der Atomausstieg ist in Deutschland beschlossene Sache. Ich hoffe, dass dieser endgültig ist und Vorbild für andere Staaten sein wird.
Jürgen Heim: Ich möchte das Thema Atomkraft nicht überbewerten. Dass Deutschland bei der Atomkraft einen völlig eigenen Weg geht, widerspricht eigentlich den Grundsätzen der Globalisierung. Es gibt Länder mit komplett anderen Sichtweisen, welche die Atomkraft fördern und ausbauen wollen. Der Atomausstieg ist für mich eher ein wahlpolitisches, opportunistisches Thema der aktuellen Bundesregierung, um die Partei Bündnis 90/Die Grünen klein und die Koalitionsparteien CDU und FDP groß zu halten. Veränderungen hat es immer gegeben. Nie jedoch solche massiven, wie wir sie heute erleben. Was mir auffällt, wenn ich die letzten neun Monate Revue passieren lasse, ist, dass es keine Tabuthemen mehr gibt. Gefestigte Positionen brechen auf. Alle Themen, die man früher nicht bereit war anzugehen, werden heute in Angriff genommen. Diese Entwicklung hängt mit der globalen, permanenten Verfügbarkeit von Informationen zusammen.
Jutta Günther: Ich denke, Veränderungen und Strukturbrüche hat es in der Menschheitsgeschichte immer schon gegeben. Es ist aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen, ob wir momentan wieder vor einem großen, globalen Umbruch stehen. Vielleicht haben wir aufgrund tagesaktueller Nachrichten tatsächlich den Eindruck. Vielleicht handelt es sich auch um eine Evolution. Das ist fast eine philosophische Frage. Es fällt oft der Satz, dass wir in einer globalen Wissensgesellschaft leben. Ich frage meine Studierenden zu Beginn der Innovationsökonomik gern, was für sie der Begriff „Wissensgesellschaft" bedeutet. Gesellschaften vor Tausend Jahren verfügten auch über einen enormen Wissensschatz. Der entscheidende Unterschied zu früher besteht darin, dass Wissen im Vergleich zu damals viel schneller produziert, aber auch entwertet wird. Teilweise entsteht der Eindruck, dass wir um des Publizierens willen publizieren und nicht um des Wissens willen.
Frithjof Walk: Ich glaube, dass die Wahrnehmung von Veränderungen entscheidend von der persönlichen Betroffenheit abhängt. Ein mittelloser Bauer in Angola, der versucht, jedes Jahr seine Ernte einzubringen, wird große Veränderungen verneinen: Es gibt immer noch zu wenig Wasser und zu viel Sonne. Er leidet weiterhin an Hunger und kämpft jedes Jahr ums Überleben. Zum Thema Klimawandel möchte ich anmerken, dass wir den Einfl uss der Menschen auf den Klimawandel offensichtlich gerne überschätzen. Diese Feststellung soll nicht implizieren, dass es falsch ist, den CO2-Ausstoß zu reduzieren - ich unterstütze jeden Ansatz, der dazu beiträgt. Ein ausbrechender Vulkan auf Island aber stößt möglicherweise in ein paar Sekunden mehr CO2 aus, als wir in unserer ganzen Menschheitsgeschichte je produziert haben.
Jürgen Heim: Dem möchte ich entschieden widersprechen. Wir haben einen großen Einfl uss auf das Klima. Wir verbrauchen im Durchschnitt das 1,5-fache von dem, was der Planet hergibt. Wir verschleißen unseren Planeten regelrecht.
Jutta Günther: Wir haben nicht nur einen großen Einfluss auf, sondern auch eine große Verantwortung für das zukünftige Klima auf dem Planeten.
Anja Van Bocxlaer: Die Aufklärung hat offensichtlich nachhaltigere Veränderungen bewirkt als die aktuellen Ereignisse. Damals haben sich die Strukturen wirklich grundlegend geändert ...
Jutta Günther: Ich frage mich allerdings, wie viel Prozent der damaligen Bevölkerung tatsächlich von der Aufklärung betroffen waren und wie viele Menschen heute von den Umwälzungen betroffen sind? Es ist der geringere Teil der Länder dieser Welt: Die Mehrzahl der Länder haben immer noch keine demokratische Staatsform. Die Aufklärung ist nach wie vor ein Auftrag der Menschheit.
Anja Van Bocxlaer: Müssen wir dann nicht konstatieren, dass die Aufklärung gescheitert ist?
Jutta Günther: Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass die Aufklärung gescheitert ist, sondern, dass diese weiterhin eine wichtige Aufgabe ist.
Frithjof Walk: Ich halte die Aufklärung nicht für gescheitert, sondern sehe eher die Globalisierung als gescheitert an. Die letzten zwei, drei Jahre haben gezeigt, dass es verheerend sein kann, sich global total zu vernetzen und sich völlig abhängig zu machen von Zulieferern aus einer Region. Es gibt Bauteile für die Elektronikbranche, die nur noch in Japan produziert werden. Wir profitieren zwar von den günstigen Produkten, machen uns aber verwundbar durch Katastrophen wie in Fukushima oder globale Finanzspekulationen. In den USA stammt das Sortiment einer Walmart-Filiale zum deutlich überwiegenden Anteil aus chinesischer Produktion.
Anja Van Bocxlaer: Walmart bietet die Produkte aus China an, um wettbewerbsfähiger zu werden. Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Prozesse integriert hätten, wären bei einer derartigen Katastrophe nicht vom Scheitern bedroht gewesen.
Frithjof Walk: Die geologische und technologische Katastrophe in Japan hat gezeigt, dass Aufklärung notwendig ist. Dem Verbraucher muss bewusst werden, wie stark alles miteinander vernetzt ist. Die Aufklärung ist für mich noch lange nicht vollendet.
Jutta Günther: Wichtig ist, Informationen und Aufklärung nicht miteinander zu verwechseln. Der Begriff Aufklärung wirft philosophische Fragen auf: Wie möchten wir leben? Was bedeutet Freiheit?
Anja Van Bocxlaer: Haben im Zuge der Globalisierung und des Kapitalismus das komplexe Denken und die diff erenzierten Entscheidungen eher abgenommen? Dadurch, dass sehr viele profitorientierte und keine nachhaltigen Entscheidungen getroffen worden sind?
Ulrich Petschow: Ich habe mit dieser Frage ein Problem: Es hat in der Historie verschiedene Versuche gegeben, Utopien zu verwirklichen, die unglücklich ausgegangen sind, wie etwa „Maos großen Sprung nach vorne". Dessen Folge war, dass unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 20 und 40 Millionen Menschen verhungert sind. Autoritäre Regimes, in denen die Checks und Balances im politischen System nicht existieren, ebnen nicht den Weg zur Nachhaltigkeit. Es kommt in den Industriestaaten auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen des Wirtschaftens an.
Anja Van Bocxlaer: Woran sind wir konkret gescheitert?
Jutta Günther: Wir sind daran gescheitert, in unserer globalisierten, kapitalistischen Gesellschaft notwendige Regularien einzuführen. Stichwort: Globale Wirtschafts- und Finanzkrise. Es gibt keine Regularien, und es ist schwer, diese in freiheitlichen Gesellschaften und Wirtschaftssystemen durchzusetzen.
Ulrich Petschow: Ich werfe die Frage auf, ob wir heute nicht einfach nur besser informiert sind? Mein Sohn hat innerhalb kürzester Zeit Zugriffe auf Informationen, nach denen ich früher in einer Bibliothek suchen musste. Sind wir ausreichend darüber aufgeklärt, wie mit der Masse an Informationen umzugehen ist? Ich bin der festen Überzeugung, dass es ein Grundproblem unser heutigen Gesellschaft ist, angemessen mit der Informationsflut umzugehen. Jutta Günther: Andersherum formuliert: Der grenzenlose Zugriff auf Informationen ohne eine mit Werten verbundene Aufklärung ist problematisch.
Jürgen Heim: Zu dem Werteverfall zähle ich, dass in unserer kapitalistischen Welt Geld praktisch keinen wirklichen Wert mehr besitzt. Milliarden bis hin zu Trilliarden Euro werden täglich transferiert. Diese Vorgänge sind nicht mehr begreif- und auffassbar.
Frithjof Walk: Ich behaupte: Wir sind nicht gescheitert, wir befinden uns in einem Lernprozess. Die monetären Werte ändern sich. In den letzten Jahren wurde versäumt, die politischen Weichen zu stellen für die Bändigung des „Raubtierkapitalimus". Wir haben bedauerlicherweise einen Managertyp definiert, für den Profit das oberste Ziel ist, und dafür sind wir verantwortlich. Teamfähigkeit, Rücksichtnahme und die Fähigkeit zum nachhaltigen Wirtschaften stehen oder standen lange nicht auf den Anforderungslisten von Bankmanagern.
Jürgen Heim: Die Manager sind längst Sklaven des Systems geworden. Wir müssten uns grundsätzlich die Frage stellen, ob die Unternehmensform AG heutzutage noch opportun ist. Denn die AGs haben eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen verursacht. Und auch nach der Krise werden Unternehmen bedauerlicherweise weiterhin nur an ihrem Gewinn gemessen.
Jutta Günther: Vielleicht war das Ausmaß der Krise nicht verheerend genug, um ein Umdenken zu erzeugen. Ich erlebe interessante Diskussionen um die Frage, wie wir die zukünftigen Managergenerationen an den Business-Schools ausbilden sollen.
Jürgen Heim: In einem inhabergeführten Unternehmen ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Menschen und Werten möglich. Bei einer Aktiengesellschaft jedoch besteht eine halbjährliche Reportpfl icht. Dabei geht es um Profit, Cashflow, Umsatz und KPI (Key Performance Indikatoren) und nicht um Unternehmenswerte und gute Managervorsätze. Am Schluss reduziert sich alles auf diese Kernzahlen. Es gilt, das System an der Wurzel zu packen und von Grund auf zu verändern.
Frithjof Walk: Ein ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Siemens AG hat sich beispielsweise nur für den Shareholder Value interessiert und nicht so sehr für seine Mitarbeiter oder den Umgang mit ihnen oder auch seine eigene Vorbildfunktion. Man konnte sogar annehmen, nicht einmal die Shareholder selbst wurden gefragt, sofern sie nicht Vertreter von Großaktionären waren, was sie von Siemens erwarten. Wenn in Politik und Wirtschaft die eigentlichen „Shareholder" nicht mehr in die Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden, sind wir ganz sicher auf dem besten Weg, unsere Gesellschaft zu gefährden.
Jutta Günther: Sind Sie, Herr Walk und Herr Heim als Vertreter der Wirtschaft, der Meinung, dass wir besser daran täten, inhabergeführte Unternehmen stärker zu fördern?
Jürgen Heim: Ich bin der festen Überzeugung, dass die Unternehmensform Aktiengesellschaft heute nicht mehr die richtige ist. Auch eine AG hat Inhaber, wenn auch breit gestreute. Ich habe für beide Unternehmensformen gearbeitet. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Aber wenn es darum geht, mittel- und langfristige Ziele zu realisieren und Krisen zu managen, sind die inhabergeführten Unternehmen immer geschickter gewesen als die Aktiengesellschaften. Bei diesen zählt nur der kurzfristige Profit.
Ulrich Petschow: Wir haben einen zu individualistischen Blickwinkel. Wir schauen auf einzelne Firmen und nicht auf die regulierenden Rahmenbedingungen, die geschaffen werden müssen. Gerade aus umweltpolitischer Sicht müssen wir von nationalstaatlichen zu globalen Übereinkünften gelangen, was sich als schwierig erweist. Offenbar müssen noch ein paar Katastrophen passieren, bevor man sich auf einheitliche Richtlinien einigen wird. Diese Lernprozesse sind sehr langsam und es fehlen die forcierenden Institutionen dafür.
Frithjof Walk: Ich sehe dafür folgende Ursache: In einer Demokratie, in der das Volk regelmäßig wählen geht, agieren die politischen Vertreter so, dass sie mit einer möglichst hohen Anzahl an Stimmen wiedergewählt werden. Wenn ich dem Volk auf den Mund schaue, erhalte ich die meisten Stimmen. Nachhaltigkeit und eine Orientierung an der Zukunft hatten daher in Parteiprogrammen eine untergeordnete Rolle. Der Wähler will keine Verschlechterung seines bisherigen Status hinnehmen. Das liegt in der Natur der Wähler. Die Umwelt, die uns umgibt, schaffen wir uns somit selber.
Diskussionsrunde „Ökonomie und Technologie"
Das Expertentreffen fand am 1. Juli 2011 im Grand Hotel Russischer Hof in Weimar statt. Zentrale Themen waren:
- Wo stehen wir - Gab es vergleichbare Zeitabschnitte in der Geschichte, in denen gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Faktoren massive Veränderungen und Einschnitte erzeugt haben?
- „Die Welt retten" - ein Ausspruch von riesiger Bedeutung, der fast religiös klingt. Retten? Was muss gerettet werden und warum?
- Technologische Themen, die die Welt verändern, werden weniger gefördert. Stimmt das? Welche Gegenbeispiele gibt es? Welche neuen Werte braucht unsere Gesellschaft?


Die RFID-Technologie ist ausgereift. Standards für die gängigen Systeme sind verfügbar. Und für alle Anwendungen unterschiedlichst...





